“Betretet eine schillernde Welt voller furchteinflößender Magie. In diesem Pen & Paper-Rollenspiel werdet ihr zu Mitgliedern von Candela Obscura – einer paranormalen Geheimgesellschaft, deren Aufgabe es ist, die Fairelands und ihre strahlende, vor der Jahrhundertwende stehende Hauptstadt Newfaire vor übernatürlichen Gefahren zu schützen. Okkulte Mysterien offenbaren sich in dieser Metropole, die auf den Ruinen einer antiken, untergegangenen Zivilisation erbaut wurd – Ruinen, die noch immer von den Überresten mächtiger Magiedurchdrungen sind…“
Din A4 Hardcover 204 Seiten
Von Spenser Starke & Rowan Hall mit Christopher Grey, Tracey Harrison & Taliesin Jaffe
deutsche Übersetzung: Manfred Sanders
Redaktion: Milena Fuchs
u.v.m.
Fazit: Candela Obscura ist das Horror-Pen & Paper Rollenspiel von Critical Role. Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rollen von Ermittlern einer Geheimgesellschaft, die in einer fiktiven Parallelwelt namens Fairelands gegen mystische, übernatürliche und okkulte Kräfte ankämpft. Die Welt fühlt sich ein wenig wie ein viktorianisches Nachkriegs-England mit Steampunk-Anleihen an, und die Spielercharaktere sind in der Regel normale Menschen mit dem Blick für das Übernatürliche… Welch Schelm, wer hier parallelen zu Vaesen oder Cthulhu sieht.
Die größten Unterschiede liegen hier wohl in den sehr einfachen Einstiegsregeln, dem narrativen Schwerpunkt des Spiels sowie der Tatsache, dass wir es eben nicht mit „unserer“ Welt zu tun haben, sondern einem fiktiven Schauplatz. Und genau dieser Schauplatz ist es auch, der einen Großteil des Regelwerks einnimmt, denn die besagten Einstiegsregeln sind wirklich sehr schnell erklärt und können tatsächlich auf einer Seite des Regelwerks zusammengefasst werden.

Eine Würfelmechanik auf der Basis von einem bzw. mehreren W6 und einem Sonderwürfel erlaubt es euch, schnellstens zu erkennen, ob ein Wurf ein Misserfolg ist (1-3), ein Erfolg mit Konsequenzen (4-5), ein kompletter Erfolg (6) oder ein kritischer Erfolg (mehrere Sechsen). Der Sonderwürfel erlaubt es euch bei bestimmten Aktionen, Antriebspunkte zu generieren, die ihr für zusätzliche Würfel an anderer Stelle einsetzen könnt. So kann es also mitunter sinnvoll sein, auf einen vollen Erfolg zu errichten und dafür Antriebspunkte zu generieren, die dann später an entscheidender Stelle genutzt werden können. Das verleiht dem Spiel eine Art Ressourcen-Management und Risikoeinschätzung.
Die Spielleitung selbst würfelt gar nicht, sondern nutzt die Misserfolge und Konsequenzen, um narrativ das Geschehen zu lenken und zu leiten.
Folgerichtig ist auch das Schadensystem im Kampf ein anderes, als es bei bekannten Systemen mit Lebenspunkten der Fall ist. Hier wird über Wunden und Narben geregelt, wie viel ein Charakter aushalten kann. Es gibt auch ein Magiesystem, das ebenfalls mit einem gewissen Risiko für die Nutzer verbunden ist. Um hier alles ein wenig zu differenzieren, werden die Wunden in drei Kategorien unterschieden: körperliche Wunden, geistige Wunden und Bleed-Wunden (dies ist der Einfluss von Magie auf den Körper).
Die unterschiedlichen „Klassen“ in Candela Obscura unterscheiden sich lediglich geringfügig in ihren Talenten und Eigenschaften sowie ihren Spezialisierungsfähigkeiten, spielen sich grundsätzlich aber alle recht ähnlich von der Handhabung. Es wird unterschieden in Galionsfiguren (Journalisten oder Zauberkünstler), Kraftpakete (Entdecker und Soldaten), Koryphäen (Doktoren und Professoren), Leichtfüße (Verbrecher und Detektive) sowie Sonderlinge (Medien und Okkultisten). Besagte Talente und Eigenschaften sind ebenfalls gut überschaubar. Es gibt lediglich die Kategorien Koordination (mit Bewegung, Zulangen und Hantieren als Unterpunkte), Gewitztheit (mit Beeinflussen, Deuten und Verbergen) sowie Intuition (mit Umsehen, Konzentrieren und Spüren).
Im Anschluss müsst ihr noch euren eigenen Zirkel erstellen. Auch hier führt euch das Buch Schritt für Schritt zum Ziel.
Heimlicher Star des Buchs ist neben der Weltenbeschreibung übrigens das Buch als solches: die vielen Illustrationen erzeugen eine großartige Stimmung, die den Leser direkt in die Welt von Fairelands entführt, und um den Immersionseffekt noch zu erhöhen, finden sich überall im Buch verteilt Geheimbotschaften, die zunächst entschlüsselt werden wollen. Was einerseits ein absolut cooles Feature ist, zwingt den Leser andererseits zu (vermeintlich) unnötigem Mehraufwand, um diese Inschriften zu entziffern. Gleichwohl: das Spiel lässt sich auch ohne diese Texte spielen.

Ohnehin liegt vieles, das über Erfolg oder Misserfolg eines gelungenen Spieleabends entscheidet, bei Candela Obscura in den Händen der Spielleitung, und das deutlich schwerwiegender als bei anderen Rollenspielsystemen. So sind die Fairelands zwar unglaublich gut beschrieben und bieten eine Menge Details, die sich zum Gestalten von Aufträgen auch gut nutzen lassen, aber dennoch muss die Spielleitung hier viel improvisieren oder aber entsprechend viel vorbereiten. Zur Veranschaulichung seien hier die vier Beispielmissionen genannt, die sich im Regelwerk finden lassen. Sämtliche Informationen zu den Missionen finden sich auf einer einzigen Seite, zusammengefasst in „Prämisse“, „Was ist hier los?“, „Einzelheiten“, „Gefahren“ sowie „wichtige Personen“. Diese eine Seite soll also ausreichen, eine komplette Mission für die Spieler zu skizzieren. Der Ablauf dieser Missionen wird immer auf den nachfolgenden Seiten beispielhaft vorgestellt, damit man ein etwaiges Gespür erhält, wie sich Candela Obscura spielen lässt. Es folgen noch weitere Missionsvorschäge, Artefakte, Nichtspielercharaktere sowie eine Beschreibung von ein paar Kreaturen, die die Fairelands unsicher machen.

Auch hier zeigt sich wieder die Andersartigkeit des Regelwerks, denn wo andere Rollenspielsysteme hier mit detaillierten Zeichnungen und konkreten Wertetabellen aufwarten würden, beschränkt sich Candela Obscura komplett auf die Beschreibung der Kreaturen. Keine Zeichnungen, keine Werte. Das ist nicht unbedingt jedermanns Sache.
Candela Obscura eignet sich hervorragend für komplette Neueinsteiger (als Spieler), die unter einer schon etwas erfahreneren Spielleitung ein paar Missionen spielen wollen. Ebenfalls denkbar wären OneShots für Gruppen, die mal abseits der üblichen Regelwerke abwechslungsreiche Rollenspielluft schnuppern wollen. Außerdem werden Fans von narrativem Rollenspiel-Stil voll auf ihre Kosten kommen. Die Fairelands als Ort sind phantastisch für Horror-Rollenspiel geeignet, die Missions-Designs sind für kreative Spielleiter mit Improvisationstalent ideal. Wer aber vom Grundregelwerk erwartet, an die Hand genommen und durch die Missionen gelenkt zu werden, den müssen wir enttäuschen. Wer gerne Powergaming macht, wird ebenfalls nicht unbedingt glücklich mit Candela Obscura. Und die eben schon erwähnten Gesichts- und Werte-losen Kreaturen sind ggf. auch nicht unbedingt einsteigerfreundlich.
Und dennoch ist Candela Obscura nicht zuletzt wegen seines tollen Grafik-Designs ein absoluter Hingucker, mit dem man sich gerne befasst. Viel Spaß bei der Ermittlung in einer fantastischen Welt voller okkulter Gefahren.
